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Vermehrungsgut

Erfolgreicher Waldbau benötigt genetisch hochwertiges forstliches Vermehrungsgut. Zudem ist die Verwendung von Vermehrungsgut mit geeigneten Herkünften eine wesentliche Grundlage für klimastabile Wälder. Bei Bestandesbegründung, Waldverjüngung und Waldumbau beginnt das Qualitätsmanagement deshalb mit dem Saat- und Pflanzgut.

Samenplantagen und Saatguterntebestände werden hinsichtlich genetischer Vielfalt und Zusammensetzung charakterisiert. Vitalität und Leistungsfähigkeit der Nachkommen hängen häufig vom Ursprung des Materials ab. Die äußere Qualität des Saatgutes ergibt sich vor allem aus dessen Reinheit, seiner Keimfähigkeit und der Größe der Samen. Für Baumschulpflanzen gelten ebenfalls anerkannte und unmittelbar überprüfbare Qualitätskriterien.

Genetische Eigenschaften: Auf die inneren Werte kommt es an

Die genetischen Eigenschaften des Vermehrungsgutes sind äußerlich nicht zu erkennen und somit deutlich schwieriger zu erfassen. Waldbaumarten treten weitgehend noch als Wildpopulationen auf, die eine große innerartliche und individuelle Variation herausgebildet haben. Die Herkunft des Vermehrungsgutes erlaubt deshalb Rückschlüsse darauf, an welche Umweltbedingungen die Ausgangspopulation angepasst ist und welche Leistungsfähigkeit sie dort zeigt. In Herkunftsversuchen und Nachkommenschaftsprüfungen ermitteln wir, inwieweit Angepasstheit, Stresstoleranz, Widerstandsfähigkeit, Wuchsleistung und Wuchsform genetisch bedingt sind.

Zudem erlauben genetische Analysen in vielen Fällen die Feststellung von Herkunft und Identität von forstlichem Vermehrungsgut. Damit können Fehldeklarationen aufgedeckt und der Verbraucherschutz verbessert werden.

Differenzierte Ausweisung von Herkunftsgebieten

Da sich Herkünfte genetisch und in ihrem Erscheinungsbild voneinander unterscheiden, hat man vor diesem Hintergrund für das Saatgut sogenannte Herkunftsgebiete ausgewiesen. Bei deren Abgrenzung waren wissenschaftliche und praxisorientierte Überlegungen maßgeblich.

Die Herkunftsgebiete der forstlich relevanten Baumarten setzen sich puzzleartig und teilweise nach Höhenlage differenziert aus 46 ökologischen Grundeinheiten zusammen. Für die einzelnen Baumarten wurden unterschiedliche Anzahlen von Herkunftsgebieten ausgewiesen, indem ökologische Grundeinheiten zusammengefasst wurden.

Die Herkunftsempfehlungen der NW-FVA wollen Klimawandel einbeziehen

Die NW-FVA gibt nach Anbaugebieten (Herkunftsgebieten bzw. Wuchszonen) differenzierte Herkunftsempfehlungen heraus. Dabei versuchen wir, den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden. Weil sich die Erkenntnisse aus Herkunftsversuchen jedoch nur auf Erfahrungen unter Klimabedingungen in der Vergangenheit stützen können, ist es naturgemäß schwierig, Empfehlungen für ein Klimaszenario zu geben.

Der Einsatz von „Alternativbaumarten“ zur Risikostreuung im Klimawandel bedarf zunächst der genetischen Charakterisierung potenzieller Erntebestände. Besteht die Gefahr von genetischer Einengung und Inzucht, kann dies zu einer komplett falschen Beurteilung der Baumart in Anbauversuchen führen.

Zunächst erscheinen Herkünfte bevorzugt empfehlenswert, die sich als besonders anpassungsfähig an sehr unterschiedliche Standorte erwiesen haben. Darüber hinaus sind Herkünfte interessant, die aus Regionen stammen, deren jetziges Klima für ein bestimmtes Anbaugebiet wahrscheinlich wird. Deshalb prüfen wir grundsätzlich, inwieweit als Alternative zu örtlichem Material auch Vermehrungsgut aus wärmeren, südlichen oder trockenen Regionen empfohlen werden kann.

Die Empfehlungen sind nach Rangfolgen gestaffelt. Vermehrungsgut mit der Kategorie „Geprüft“ wird vor solchem mit der Kategorie „Qualifiziert“ empfohlen und dieses vor „Ausgewählt“.

Geprüft ist besser: Die Kategorien forstlichen Vermehrungsgutes

Soweit am Markt verfügbar, hat der Forstbetrieb die Möglichkeit, Vermehrungsgut unterschiedlicher Kategorien einzusetzen. Diese sind:

  1. Ausgewähltes Vermehrungsgut kommt aus Erntebeständen mit einem besonders guten Erscheinungsbild (Phänotyp). Die Auswahl erfolgt nach Qualitäts- und Vitalitätskriterien. Dabei geht man davon aus, dass besonders hochwertige Bestände entsprechend gute Erbanlagen an die Nachkommen weitergeben.
     
  2. Qualifiziertes Vermehrungsgut wird in Samenplantagen gewonnen, die aus Einzelbäumen entstanden sind, welche zuvor nach dem Phänotyp ausgewählt wurden. Die Auslese dieser Bäume erfolgte nach Vitalität, Wuchsform, Wachstum und Angepasstheit. Im Bereich der NW-FVA werden aktuell Samenplantagen mit insgesamt 14 Laubholzarten und 5 Nadelholzarten bewirtschaftet.
     
  3. Geprüftes Vermehrungsgut wird über die Phänotypenauswahl der Eltern hinaus selbst auf seine überlegenen Wuchseigenschaften geprüft. Zur Bereitstellung von geprüftem Vermehrungsgut legt die Abteilung Waldgenressourcen langfristige Versuchsreihen auf unterschiedlichen Standorten an und erwirkt die Zulassung für dieses Vermehrungsgut auf der Basis wissenschaftlicher Versuchsauswertungen. Nur bei geprüftem Vermehrungsgut ist die Überlegenheit in Versuchen nachgewiesen worden, indem sich das Versuchsmaterial auf verschiedenen Versuchsorten als genetisch bedingt überlegen erwiesen hat. Geprüftes Vermehrungsgut kann aus Erntebeständen und aus Samenplantagen kommen, sofern diese die Vergleichsprüfung erfolgreich durchlaufen haben. Vegetativ vermehrtes Material (Klone) darf nur in der Kategorie „Geprüft“ verwendet werden.

Züchterisch verbessertes Vermehrungsgut silvaSELECT®

Unter dem geschützten Markenzeichen silvaSELECT® der NW-FVA wird nach dem Forstvermehrungsgutgesetz geprüftes Vermehrungsgut in Lizenz vertrieben. Qualitativ hochwertige Selektionen verschiedener Laubbaumarten aus Mikrovermehrung garantieren den Erhalt der wertgebenden Eigenschaften, wie z. B. Stamm- und Kronenform, Wüchsigkeit oder Holzmaserung.

Erntezulassungsregister über Saatgutquellen

Die Erntezulassungsregister der Trägerländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Hessen werden von der NW-FVA entwickelt und betrieben. Mit Hilfe dieser Online Anwendung können Informationen über registrierte Saatgutbestände, Samenplantagen und Mutterquartiere eingesehen werden.

Beteiligte Sachgebiete:
Publikationen:

Grotehusmann, H. (2021): Eichen-Bestandsprüfung in Norddeutschland, Teil 2: Traubeneiche. AFZ-DerWald, 76. Jg., 3, 29-33.

Hardtke, A.; Meißner, M.; Steiner, W.; Janssen, A. (2017): Entwicklung eines Saatguterntekonzeptes für Stiel- und Trauben-Eiche. In: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (Hrsg.): Hochwertiges Forstvermehrungsgut im Klimawandel. Symposium des Verbundprojektes FitForClim vom 14. bis 15. Juni 2016 in Chorin. Beiträge aus der NW-FVA, Band 16, 81-101.

Hardtke, A.; Steiner W. (2020): Eichenplusbäume und deren Verwendung. In: Liesebach, M. (Hrsg.): Forstpflanzenzüchtung für die Praxis. Tagungsband der 6. Tagung der Sektion Forstgenetik/Forstpflanzenzüchtung. Thünen Report 76, 9-22.

Hofmann, M.; Grotehusmann, H.; Schneck, V. (2020): Robinie – eine Option für den Klimawandel? – Erste Ergebnisse einer Klonprüfung. In: Liesebach, M. (Hrsg.): Forstpflanzenzüchtung für die Praxis. Tagungsband der 6. Tagung der Sektion Forstgenetik/Forstpflanzenzüchtung. Thünen Report 76, 211-221.

Hofmann, M.; Stiehm, C.; Fehrenz, S.; Fey, C. (2019): Aspekte der Sortenprüfung bei Pappeln mit unterschiedlichen Produktionszielen. In: Fachhochschule Erfurt (Hrsg): 2. Erfurter Tagung – Schnellwachsende Baumarten – Erntetechniken, -verfahren und Logistik, 79-87.

Paul, M.; Steiner, W.; Schleich, S.; Lau, M.; Leisten, D.; Moos, M.; Schmidt. C. (2020): Samenplantagen und Mutterquartiere als Beitrag zur Biologischen Vielfalt. In: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (Hrsg.): Waldzustandsbericht 2020 für Niedersachsen.