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Aktuelles

Natura 2000 und Kleinprivatwald: Effektiver Naturschutz im Wald braucht Beteiligung

Mit „Natura 2000“ verfügt Europa über das weltweit größte Netzwerk von Schutzgebieten. In Deutschland sind große Teile davon Wald und in der Hand von Privatpersonen. Eine von einem Forschungsteam der Universitäten Göttingen und Kassel sowie der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) durchgeführte Befragung gibt Einblicke in Ziele, Bewirtschaftungspraktiken und Einstellungen von privaten Waldbesitzenden mit und ohne Natura-2000-Flächen im niedersächsischen Mittelgebirgsraum.

Natura 2000 hat eine ambitionierte Zielsetzung – den Erhalt und die Verbesserung des Zustands gefährdeter und typischer Lebensräume und Arten unter Berücksichtigung lokaler sozialer und wirtschaftlicher Belange. Die Effektivität des Naturschutznetzwerkes ist jedoch umstritten. Zu Umsetzungsproblemen auf politischer und administrativer Ebene, Zweifeln an der ökologischen Wirksamkeit sowie Konflikten mit lokalen Waldbesitzenden kam Anfang 2021 die Ankündigung einer Klage der Europäischen Kommission: Sie wirft Deutschland vor, Teile der erforderlichen Schutzmaßnahmen nur mangelhaft umzusetzen.

Perspektiven von Privatwaldbesitzenden

Innerhalb Deutschlands liegt ein Fokus des Netzwerks auf dem Ökosystem Wald. Wie ist die Perspektive derjenigen, die diesen Wald besitzen, bewirtschaften und pflegen? Wie stehen sie zu Natura 2000 und welchen Einfluss hat eine etwaige Schutzgebietsausweisung auf ihr Tun? Unterstützt von den Landwirtschaftskammer-Forstämtern Weser-Ems und Südniedersachsen, der Waldschutzgenossenschaft Osnabrück-Süd sowie den Forstbetriebsgemeinschaften Südhannover und Northeim erfragte und analysierte die Doktorandin Malin Tiebel daher zusammen mit Dr. Andreas Mölder und Prof. Dr. Tobias Plieninger die Perspektiven von 1671 Privatwaldbesitzenden aus dem niedersächsischen Mittelgebirgsraum. Mit einem durchschnittlichen Waldbesitz von 11 ha, aufgeteilt auf drei Waldstücke, kann man hier von Kleinprivatwald sprechen.

Grundsätzlich sind die Zielsetzungen der Befragten vielfältig: „Der Erhalt eines gesunden und stabilen Waldbestandes, der Schutz von Boden-, Wasser und Luftqualität sowie die Sicherung der Artenvielfalt werden von mehr als 90 % der Teilnehmenden als wichtig oder sehr wichtig bewertet“, berichtet Andreas Mölder, wissenschaftlicher Mitarbeiter der NW-FVA. Es folgt der Erhalt des Waldes als Kulturgut und als Familienerbe. Holzproduktion für die persönliche Versorgung erachten mehr als zwei Drittel der Befragten als wichtig. Widersprüche zeigen sich im Bereich Naturschutz: Obwohl die Sicherung der Artenvielfalt einem Großteil der Waldbesitzenden sehr wichtig erscheint, geben nur 45 % der Befragten an, tatsächlich aktiv Naturschutzmaßnahmen durchzuführen.

Und der Blick auf Natura 2000?

Waldbesitzende mit Natura-2000-Waldbeständen stufen die Holzproduktion als wichtiger ein als diejenigen ohne solche Bestände: Sie ernten signifikant häufiger hiebsreife Einzelbäume und durchforsten ihren Bestand. Die einzige biodiversitätsfördernde Maßnahme, die in Natura 2000-Waldbeständen häufiger ausgeübt wird als im sonstigen Wald, ist der Erhalt von Alt-, Specht- oder Habitatbäumen. Hat eine aktivere Bewirtschaftung zu schützenswerten Beständen und somit zur Unterschutzstellung geführt, oder haben die dadurch drohenden Einschränkungen erst ein stärkeres Interesse an der Holznutzung geweckt? „Diese Frage kann aus den Daten nicht beantwortet werden“, so Malin Tiebel, Erstautorin der Studie. Die Befragung zeige allerdings, dass Natura-2000-Waldbesitzende gegenüber Naturschutzmaßnahmen wesentlich kritischer eingestellt sind: Sie fühlen sich in ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit stärker bedroht, wünschen sich signifikant häufiger eine bessere Beteiligung, empfinden die Naturschutzauflagen häufiger als zu streng und die entstehenden Kosten öfter als hoch.

Beteiligung erwünscht

„Bei der Umsetzung von Natura 2000 gibt es fortlaufende Konflikte sowohl auf lokaler als auch auf politischer Ebene. Auch weil derzeit die Maßnahmenplanung für die einzelnen Natura-2000-Gebiete stattfindet, erscheint es wichtiger denn je, Kleinprivatwaldbesitzende und ihre Bedürfnisse stärker einzubeziehen – sowohl jetzt in die Umsetzung von Natura 2000 als auch in die Planung künftiger Schutzgebietsstrategien“, argumentiert Tobias Plieninger, Leiter des Fachgebiets sozial-ökologische Interaktionen in Agrarsystemen an den Universitäten Kassel und Göttingen. Eine erfolgreiche Verknüpfung von Naturschutz und Ressourcennutzung sei vielerorts nur gemeinsam mit den privaten Waldbesitzenden möglich. Die vielfältigen Interessen der Waldbesitzenden sowie das grundsätzliche Ziel von Natura 2000, auch regionale Verhältnisse zu berücksichtigen, bieten dafür vielversprechende Voraussetzungen.

Das Projekt „Kleinprivatwald und Biodiversität: Schutz durch Ressourcennutzung (KLEIBER)“ wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) im Rahmen des Förderprogramms „Nachwachsende Rohstoffe" und aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages (FKZ 22001218 und 22023218) gefördert.